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MVP vs MLP: Warum ein ausreichendes Produkt heute nicht mehr genügt

von Thomas Leiber⠀|⠀

Jedes Jahr entstehen weltweit 50 Millionen Startups, aber nur 10% davon werden tatsächlich erfolgreich. Der Hauptgrund ist dabei oft der mangelnde Marktbedarf – ein Problem, das häufig auf eine unzureichende Produktstrategie zurückzuführen ist.

Was man liebt, das behält man. (Bild: Chenspec | CC BY-SA 4.0)

Die Debatte zwischen MVP („Minimum Viable Product“) und MLP („Minimum Lovable Product“) gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung. Wir haben in der Produktentwicklung lange Zeit auf das Konzept des MVP gesetzt.

MVPs sind Produkte mit gerade ausreichenden Funktionen, um die grundlegenden Bedürfnisse früher Nutzer zu erfüllen. Allerdings zeigt unsere Erfahrung in der individuellen Softwareentwicklung in Deutschland, dass dieser Ansatz heute nicht mehr ausreicht. Stattdessen gewinnt das MLP-Konzept zunehmend an Bedeutung.

In diesem Artikel untersuchen wir den Unterschied zwischen MVP und MLP, warum ein „ausreichendes“ Produkt in der heutigen digitalen Landschaft nicht mehr genügt und wie Sie den richtigen Ansatz für Ihr nächstes Softwareprojekt wählen können.

Warum ein funktionierendes Produkt nicht mehr genügt

In der digitalen Ära hat sich die Dynamik von Markteinführungen grundlegend verändert. Produkte, die lediglich funktionieren, sorgen nicht mehr für begeisterte Kunden. Die Anforderungen an ein Produkt sind gestiegen. Unternehmen müssen deswegen neue Wege gehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Veränderte Nutzererwartungen in der digitalen Welt

Die digitale Transformation hat auch die Erwartungshaltung unserer Kunden nachhaltig geprägt. Große Konzerne wie Apple, Google, Amazon und Microsoft haben Kundenwünsche systematisch analysiert und aus den Ergebnissen neue Standards entwickelt. Wir haben uns an Selbstbedienung, Overnight-Shipping und komfortable und stabile Systeme gewöhnt. Umso schwerer ist es, ein neues Produkt am Markt zu platzieren.

Um zu verstehen, warum Unternehmen wie Apple so erfolgreich sind, und warum es so schwer ist, mit einem eigenen MVP zu konkurrieren, müssen wir uns klar werden, wie sehr unser Kaufverhalten von Emotionen geprägt ist. Ein Mensch kauft kein Produkt, sondern ein Gefühl. 

Unternehmen müssen deswegen eine tiefere, emotionale Verbindung zwischen Nutzer und Produkt schaffen. Eine solche Verbindung kann zu einer verbesserten Kundenbindung, höheren Konversionsraten und letztendlich zu einem größeren Geschäftserfolg führen. In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit der Nutzer ein knappes Gut ist, wird die Fähigkeit, nachhaltiges User-Engagement zu erzeugen und zu erhalten, zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Die Entwicklung vom MVP zum MLP ist somit keine Modeerscheinung, sondern eine notwendige Reaktion auf veränderte Marktbedingungen. Ein MLP berücksichtigt neben den funktionalen Anforderungen auch die emotionalen Aspekte der Nutzererfahrung und schafft so eine stärkere Bindung zwischen Produkt und Anwender.

MVP, MLP oder MMP? Die drei Ansätze im Überblick

Um zu verstehen, was MVP von anderen Ansätzen der Produktentwicklung abhebt, muss man verstehen, was der Unterschied zwischen dem MVP und dem MLP ist. Jede Variante nutzt unterschiedliche Strategien, um Produktideen zum Leben zu erwecken und den Erfolg am Markt zu sichern.

Was ist ein MVP?

Der Begriff des Minimum Viable Product wurde von dem Informatiker Eric Ries im Rahmen der Entwicklung seiner sogenannen Lean-Startup-Methode geprägt. Ein MVP ist die einfachste Version eines Produkts, die entwickelt werden kann, um die grundlegendsten Anforderungen der Nutzer zu erfüllen und gleichzeitig maximales Lernen und Feedback zu ermöglichen.

Es handelt sich dabei um ein Produkt in einem Zustand, das den minimalen möglichen Kundennutzen verspricht – dennoch aber bereits „nutzbar“ ist und einen gewissen „Nutzen“ liefert. In der Regel wird das MVP bei Erfolg dann weiterentwickelt und beim Nichtvorhandensein eines kritischen Mehrwerts wieder eingestampft – move fast and break things.

Obwohl das MVP funktional ist, konzentriert es sich primär darauf, was ein Produkt tut, anstatt wie es etwas tut. Der Fokus während der Entwicklung eines MVP liegt bei einem schnellem Markteintritt und der damit verbundenen Minimierung des Produktrisikos. Die schnelle Entwicklungszeit sorgt außerdem dafür, dass Entwickler schnell herausfinden können, ob eine Produktidee überhaupt lebensfähig ist.

Jenseits von MVP und MLP gibt es noch das MMP („Minimum Marketable Product“), das jedoch eher als erweitere Variante des MVP verstanden werden kann und sich im direkten Vergleich nicht stark vom MVP unterscheidet und deswegen hier ausgeklammert wird.

Was ist ein MLP?

Das MLP (Minimum Lovable Product) wurde erstmalig 2013 von dem Unternehmer Brian de Haaff definiert. Im Gegensatz zum MVP zielt das MLP darauf ab, Nutzer vom ersten Moment an vom Produkt zu begeistern, anstatt nur ein funktionales Gerüst zu schreiben; es soll Spaß machen und eine emotionale Verbindung herstellen.

Wörtlich definiert De Haaff ein MLP als „an initial offering that users love from the start. It represents the minimum that is required for customers to adore a product, rather than merely tolerating it“ („ein erstes Angebot, das NutzerInnen von Anfang an lieben können. [Das MLP] repräsentiert das nötige Minimum, um Kunden von einem Produkt zu begeistern, anstatt dass sie es nur tolerieren.“).

Während ein MVP häufig ein einfacher Papier-Prototyp sein kann, fokussiert das MLP auf alle Ebenen des Produkts: Funktionalität, Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und emotionales Design

Ziele und Einsatzbereiche im Vergleich

Die beiden Ansätze unterscheiden sich wesentlich in ihren Zielsetzungen und Einsatzbereichen. Wir haben das für Sie in einer einfachen Tabelle zusammengefasst:

Kriterium MVP MLP
Hauptziel Idee validieren Nutzer begeistern
Entwicklungsphase Anfang Frühe Phase
Zielgruppe Beta-Tester Early Adopters
Fokus Funktionalität Nutzererlebnis

MVP vs. MLP: Entscheidungshilfe für Produktteams

Die Entscheidung zwischen MVP und MLP stellt Produktteams vor eine strategische Weichenstellung. Abhängig von Faktoren wie Marktumfeld, Ressourcen und Zielgruppe können beide Ansätze zum Erfolg führen, wenn sie im richtigen Kontext eingesetzt werden.

Wann MVP sinnvoll ist

Ein MVP hat in bestimmten Szenarien eindeutige Vorteile. Der Ansatz eignet sich hervorragend, wenn die Zeit begrenzt und das Budget niedrig ist. Durch den Fokus auf ein schlankes Produkt kann schnell etwas auf den Markt gebracht werden, um erste Erkenntnisse zu gewinnen, ob sich eine Weiterentwicklung lohnt. Gerade für Beta-Tests und zur Validierung grundlegender Annahmen ist ein MVP ideal.

Auch bei besonders innovativen und einzigartigen Produkten ist der MVP-Ansatz wertvoll, da hier die schnelle Markteinführung entscheidender ist, als ein perfektes Produkt auf den Markt zu bringen. 

Im B2B-Bereich kann ein MVP allerdings problematisch sein. Hier haben Kunden häufig hohe Ansprüche, und ein noch nicht vollständig entwickeltes Produkt wird möglicherweise nicht akzeptiert. Dies gilt ebenso für etablierte Unternehmen, in denen Kunden oft bereits ein fertiges Produkt benötigen und erwarten.

Wann MLP die bessere Wahl ist

Das MLP ist die überlegene Option, wenn das Produkt in seiner Nische nicht einzigartig ist und sich gegenüber bestehender Konkurrenz durch ein außergewöhnliches Nutzererlebnis behaupten muss. Wie eingangs geschrieben, können gerade in wettbewerbsintensiven Märkten emotionale Faktoren den Unterschied machen.

Ein MLP empfiehlt sich also, wenn man von Anfang an die Loyalität der Zielgruppe gewinnen möchte. Wenn man bereits ein MVP entwickelt hat und nun zur nächsten Entwicklungsstufe übergehen will, dann lohnt es sich ebenfalls, auf die Stufe des MLP zu schielen.

Je mehr über den Zielmarkt und das Kundensegment bekannt ist, desto eher rechtfertigt sich der MLP-Ansatz. Im Gegensatz zum MVP, der primär der Ideenvalidierung dient, zielt das MLP darauf ab, ein Vertrauensverhältnis mit dem Publikum aufzubauen und eine Community zu bilden.

Schon ein Zimmer, aber halt nicht mehr. (Bild: aismallard | CC BY-SA 3.0)

Vorteile eines MLP für moderne Produktentwicklung

Der Wechsel vom MVP zum MLP-Ansatz bringt zahlreiche strategische Vorteile für Unternehmen, die in einem wettbewerbsintensiven Markt bestehen wollen. Während ein MVP hauptsächlich darauf abzielt, schnell zu lernen und zu iterieren, konzentriert sich das MLP darauf, von Anfang an eine emotionale Bindung zu schaffen.

Höhere Nutzerbindung und Retention

Ein MLP hat in der Regel eine stärkere Nutzerbindung als ein MVP. Die emotionale Bindung, die entsteht, wenn ein Produkt nicht nur die grundlegenden Anforderungen erfüllt, sondern Nutzer tatsächlich begeistert, steigert die Kundenloyalität.

Die intensive Beschäftigung mit dem Nutzererlebnis zahlt sich hier besonders aus: Je höher die Zufriedenheit mit dem Produkt, desto länger bleibt der Nutzer dabei. Das ist ein enormer Wettbewerbsvorteil in Märkten mit hoher Fluktuation.

Mehr Empfehlungen durch emotionale Erlebnisse

Zufriedene Nutzer sind weitaus eher bereit, das Produkt weiterzuempfehlen. Die Erfahrung zeigt: Je emotionaler das Erlebnis mit einem Produkt ist, desto wahrscheinlicher wird es aktiv weiterempfohlen.

Organische Mundpropaganda reduziert Marketingkosten erheblich und führt zu qualitativ hochwertigeren Leads, da Empfehlungen aus dem persönlichen Umfeld generell als vertrauenswürdiger gelten.

Der Weg zum Markterfolg

Während der MVP-Ansatz lange Zeit als goldener Standard galt, zeigt sich inzwischen deutlich, dass heute mehr erforderlich ist, um im Wettbewerb zu bestehen. Der Übergang vom „funktionierenden“ zum „begeisternden“ Produkt ist keine bloße Option mehr, sondern wird zunehmend zur Notwendigkeit.

Die emotionale Komponente eines Produkts entscheidet häufig über langfristigen Erfolg oder Misserfolg. Die durch MLPs geschaffene Begeisterung führen zu höherer Kundenbindung, besserer Markenwahrnehmung und organischem Wachstum durch Weiterempfehlungen. Diese Vorteile rechtfertigen in vielen Fällen den erhöhten Aufwand bei der Entwicklung.

Unabhängig vom gewählten Weg bleibt eines klar: Die Zukunft gehört Produkten, die nicht nur funktionieren, sondern emotional berühren. Daher empfehlen wir Unternehmen, frühzeitig auf Nutzerbegeisterung zu setzen. Kontaktieren Sie uns, um Ihr MLP Produkt zu entwickeln und damit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu sichern.

Ein Beitrag von: Thomas Leiber

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